Ach, Sie haben aber einen tollen Beruf!

von Dennis Kernchen | 15. Sep. 2026 | Werkstattberichte | 0 Kommentare

„Ach, Sie haben aber einen tollen Beruf!“


Diesen Satz höre ich wirklich häufig, und ich muss gestehen, dass mein erster Gedanke manchmal ein
kleines „Ach nee, schon wieder so einer“ ist. Nicht, weil ich meinen Beruf nicht toll finde – ganz im
Gegenteil. Goldschmiedin ist für mich nach wie vor mein Traumberuf, ich liebe diesen Beruf und
könnte mir nicht vorstellen, ihn irgendwann ganz aufzugeben.


Mein Gedanke kommt eher daher, dass ich inzwischen ziemlich genau weiß, welche Vorstellung viele
Menschen vom Goldschmiedehandwerk haben. Man sitzt an seiner Werkbank, hat schönes Gold und
Silber vor sich, sucht wunderbare Edelsteine aus und fertigt mit den eigenen Händen Schmuckstücke.
Und im Grunde stimmt das ja sogar alles. Nur ist es eben ein ziemlich kleiner und sehr romantischer
Ausschnitt aus meinem Arbeitsalltag.


Ein Handwerk ist eben ein Handwerk


Meistens reicht schon ein zweiter Blick auf meine Hände, um festzustellen, dass die nicht immer so
aussehen, wie man es vielleicht bei jemandem erwarten würde, der den ganzen Tag mit Gold und
Edelsteinen zu tun hat.


Goldschmieden ist ein Handwerk, und ich arbeite tatsächlich mit meinen Händen. Ich säge, feile,
schmiede, löte, ziehe Draht, poliere und halte kleine Werkstücke so fest, dass meine Hände im Laufe
der Jahre tatsächlich zu ziemlich guten kleinen Schraubstöcken geworden sind. Das hinterlässt
Spuren, und besonders gepflegt sehen sie deshalb nicht immer aus.


Was man von außen ebenfalls nicht unbedingt sieht: Ein erstaunlich großer Teil meines Arbeitstages
findet gar nicht an der Werkbank statt. Als selbstständige Goldschmiedin muss ich Buchhaltung
machen, Material bestellen, Kostenvoranschläge schreiben, mit Lieferanten sprechen und all die
anderen Dinge erledigen, die eben dazugehören. Und all das hat die etwas lästige Angewohnheit,
mich regelmäßig von meiner eigentlichen Arbeit am Werkbrett wegzuholen.


Dazwischen kommen Reparaturen meiner Juweliere, für die ich arbeite. Ketten müssen gelötet, Ringe
vergrößert oder verkleinert werden, und im Moment habe ich außerdem sehr viele Umarbeitungen
auf dem Tisch.
Gerade die mache ich allerdings sehr gerne.


Wenn aus einer Idee langsam ein Schmuckstück wird


Bei Umarbeitungen kommen die Menschen mit ganz unterschiedlichen Vorstellungen zu mir. Manche
wissen schon sehr genau, was sie möchten. Andere haben vielleicht einen bestimmten Stein und
wissen zumindest, dass daraus ein Ring oder ein Anhänger werden soll.

Am liebsten ist mir tatsächlich die Variante dazwischen: Jemand kommt mit einer Grundidee, weiß
ungefähr, in welche Richtung es gehen soll, und dann entwickeln wir den Rest gemeinsam. Ich kann
etwas zeigen, wir schauen uns Steine an, ich skizziere ein bisschen, wir spielen mit verschiedenen
Möglichkeiten und irgendwann ergibt sich daraus etwas.


Schwieriger wird es, wenn jemand mit einem Bild kommt und genau dieses Schmuckstück haben
möchte, die Idee technisch aber entweder gar nicht oder nur mit einem sehr großen Aufwand
umzusetzen ist. Dann gehört es eben auch zu meinem Beruf, zu erklären, warum das so ist und
welche Alternativen wir haben.


Und natürlich gibt es noch die Kunden, die mir eine Tüte mit altem Schmuck auf den Tisch legen und
sagen: „Machen Sie mal was draus.“


Die wissen manchmal noch nicht einmal, ob es hinterher ein Ring, ein Anhänger oder etwas völlig
anderes werden soll. Auch daraus kann etwas Wunderbares entstehen, aber ein bisschen mehr
Anfangsidee macht mein Leben zugegebenermaßen leichter.


Warum es trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – mein Traumberuf ist


Wenn ich darüber nachdenke, was ich an meinem Beruf besonders liebe, sind es neben dem
Handwerk vor allem die Geschichten, die mit den Schmuckstücken verbunden sind.
Ich fertige Trauringe und bin damit ein kleines Stück an einem neuen Lebensabschnitt beteiligt.
Menschen kommen zu mir, weil sie einen Hochzeitstag feiern und etwas Besonderes verschenken
möchten. Ich hatte beispielsweise einen Kunden, der mit seiner Frau sehr gerne auf Usedom ist und
ihr ein Schmuckstück schenken wollte, das sie mit dieser Insel verbindet. Wenn anschließend die
Nachricht kommt, dass er den Anhänger gerade verschenkt hat und seine Frau sich riesig darüber
freut, dann sind das für mich einfach schöne Momente.


Oder eine Kundin, die mehr als 50 Kilo abgenommen hatte und unglaublich stolz auf das war, was sie
geschafft hatte. Sie wollte sich selbst mit einem Ring dafür belohnen. Auch so ein Ring ist eben
hinterher nicht einfach nur ein Ring, sondern erinnert sie immer wieder an etwas, das sie für sich
erreicht hat.


Und dann gibt es die stilleren Aufträge. Schmuck eines verstorbenen Menschen wird umgearbeitet,
damit er wieder getragen werden kann. Ich arbeite Tierhaare in Erinnerungsschmuck ein oder
manchmal auch etwas Asche eines geliebten Tieres. Bei solchen Arbeiten ist mir sehr bewusst, dass
das, was vor mir auf der Werkbank liegt, für den Menschen auf der anderen Seite des Tisches einen
ganz anderen Wert hat als den reinen Materialwert.
Vielleicht ist genau das einer der Gründe, warum ich meinen Beruf nach all den Jahren immer noch
so liebe.


Natürlich gibt es auch die anderen Momente. Zum Beispiel die Diskussion darüber, warum das Löten
einer Kette 30 Euro kostet, gerne verbunden mit dem Satz: „Dafür bekomme ich ja eine neue Kette.“
Den höre ich tatsächlich ziemlich häufig. Nur stimmt das inzwischen meistens schlicht nicht mehr –
selbst eine vernünftige Silberkette bekommt man für diesen Preis heute kaum noch.
Dazu kommt gelegentlich die Frage, ob eine Arbeit wirklich so lange dauern muss, und hin und wieder
auch ein Mann, der versucht, mir meinen eigenen Beruf zu erklären. Da muss ich dann manchmal ein
bisschen tiefer durchatmen.


Aber tatsächlich sind solche Situationen eher selten. Wenn ich erkläre, warum etwas aufwendig ist,
welche Arbeitsschritte notwendig sind oder warum beispielsweise ein Fasser hinzugezogen werden
muss, reagieren die meisten Menschen sehr verständnisvoll. Oft kommt dann einfach: „Ach so, das
wusste ich nicht.“


Woher sollten sie es auch wissen?


Deshalb ist die Antwort auf den Satz vom Anfang eigentlich ganz einfach: Ja, ich habe einen tollen
Beruf und für mich ist es sogar mein Traumberuf. Nur die romantische Vorstellung davon und mein
tatsächlicher Werkstattalltag haben manchmal nicht ganz so viel miteinander zu tun.

Was hinter einem fertigen Schmuckstück steckt, sieht man ihm im besten Fall nämlich gar nicht an.
Man sieht nicht die Jahre der Ausbildung und Erfahrung, nicht die Fortbildungen, nicht mein Wissen
als Goldschmiedemeisterin und Restauratorin und auch nicht all die kleinen Entscheidungen, die
während der Arbeit getroffen werden müssen. Am Ende sieht man das Schmuckstück, das daraus
entstanden ist, und genau so soll es ja auch sein.


So persönlich so besonders so Brigitta von Grünberg



Wie viel Arbeit tatsächlich hinter einem handgefertigten Schmuckstück steckt, lässt sich übrigens
wunderbar erklären. Noch überzeugender ist es allerdings, es einmal selbst auszuprobieren. Im
passenden Werkstattgeflüster erzähle ich von einem meiner früheren Kunden, der genau das getan
hat – und anschließend eine etwas andere Vorstellung von meiner Arbeit hatte.


Zum Werkstattgeflüster: „Handgemacht – ziemlich einfach, wenn man es kann“

So einzigartig so besonders so Brigitta von Grünberg

Alte Dinge, seien es Möbelstücke, Werkzeug, Schmuck aber auch rostige Eisenstücke oder abgewetzte Bretter haben schon immer den Weg zu mir gefunden.

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